Naturwissenschaft und Mythos (I) – (Hier findet sich auch der gesamte Text als pdf)

I. Naturwissenschaft und Mythos
„Glaubt ihr denn, dass die Wissenschaften entstanden und groß geworden wären, wenn ihnen nicht die Zauberer, Alchimisten, Astrologen und Hexen vorangelaufen wären als die, welche mit ihren Verheißungen und Vorspiegelungen erst Durst, Hunger und Wohlgeschmack an verborgenen und verbotenen Mächten schaffen mussten? Ja, dass unendlich mehr hat verheißen werden müssen, als je erfüllt werden kann, damit überhaupt etwas im Reiche der Erkenntnis sich erfülle?“

(Nietzsche, 1887, S.168 – Vorspiele der Wissenschaft)

I.1. Mythos
Der Mythos ist ebenso wie die Naturwissenschaft ein großer Themenkomplex mit einer langen Theorie-, Rezeptions- und Diskursgeschichte. Der Fokus dieser Arbeit ist auf die Funktionen und Risiken des Mythos und der Naturwissenschaft gerichtet, doch wird sich schnell zeigen, dass es, um diese zu verstehen, unabdingbar ist, auch die interne Funktionsweise, die ideengeschichtliche Entstehung und die ontologischen Grundannahmen, die Mythos und Naturwissenschaften zugrunde liegen, zu beleuchten. (Habermas konstatiert zu Recht, dass der Begriff Ontologie aus der Tradition der griechischen Metaphysik stammt und den „kognitiven Bezug zur Welt des Seienden“, also zur objektiven Welt bezeichnet (Habermas, 1981, S.75). Demgegenüber prägt er den Begriff der Lebenswelt, der sich aus „mehr oder weniger diffusen, stets unproblematischen Hintergrundüberzeugungen“ aufbaut und die soziale und subjektive Welt mit einbezieht (Habermas, 1981, S.107). Nichtsdestotrotz werde ich den Begriff der Ontologie generell auf alle (auch die vorgriechischen) Hintergrundüberzeugungen und Annahmen von Weltbezügen anwenden, da, wie ich versuchen werde zu zeigen, schon der Subjekt-Objekt Dualismus der griechischen Metaphysik auf solchen Annahmen basiert.)

In diesem Kapitel über den Mythos werde ich daher auch Aspekte klären, die sich für die Naturwissenschaft als relevant erweisen werden. Dabei ist es mir ein besonderes Anliegen, den Fokus der Betrachtung der Mythenforschung ein wenig zu verschieben. Weder werde ich die Exegese griechischer Mythen in den Vordergrund stellen, noch möchte ich ethnologisch argumentieren. Auch werde ich nicht die Geschichte der Mythenforschung im Ganzen rezipieren. Dies ist an anderen Stellen ausführlich geschehen. (vgl. z.B. Brisson, 1996; Day, 1984; Hübner, 1985; Jamme, 1991a) Statt dessen werde ich darlegen, welche Fehler der Mythenforschung, zumindest in Bezug auf die hier gestellten Fragen, zu vermeiden sind und wie ein alternativer Ansatz aussehen kann. Dieser wird unter anderem darin liegen, dass ich einen besonderen Schwerpunkt auf die Mündlichkeit und damit das Geschichtenerzählen und die Geschichtenerzähler lege. Dies geschieht in einer offenen Analogie zum Kapitel über die Naturwissenschaft, in dem ein Fokus auf der Forschung und den Wissenschaftlern liegt, denn mir scheinen bei den Fragen nach Funktionen und Risiken die jeweilige Praxis und die Subjekte dieser Praxis wichtiger als die normativen Konzeptionen von Mythos und Naturwissenschaft. Nur wenn wir verstehen, wie sich Konzepte in konkreter Praxis niederschlagen, werden Funktionen und Risiken offenbar, die am Konzept allein unter Umständen nicht ablesbar sind und nur daraus lassen sich weitere Perspektiven entwickeln.

Doch was ist der Mythos eigentlich? Bevor ich eine Definition und damit die weitere Richtung dieser Arbeit festlege, möchte ich einen Blick auf die heterogenen Diskussionszusammenhänge um das Thema Mythos werfen.

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