Naturwissenschaft und Mythos (I) – (Hier findet sich auch der gesamte Text als pdf)

Naturwissenschaft und Mythos (II) 
I.1.2. Die Allegorie als Methode von Kunst und Mythos
Ich habe bisher versucht, einige kurze Einblicke in das Problemfeld des Mythos zu geben und dabei bewusst noch keine Definition des Mythos gewagt. Bevor ich dies tue, möchte ich noch einen weiteren Aspekt betrachten, der das Verhältnis von Kunst und Mythos sowie deren Methodik betrifft. Auf diese Weise wird im Abschnitt I.3.1. ein methodologischer Vergleich zwischen Mythos und Naturwissenschaft leichter fallen.

Die Kunst hat, als Kommunikationsform gesehen, schon immer eine herausragende Stellung gegenüber reiner Informationsvermittlung eingenommen. Ich werde noch zeigen, dass auch das mündliche Erzählen sehr viel mehr als alltägliches Kommunizieren im Sinne eines Informationsaustauschs ist.

Es kann sehr differenzierte und komplexe Formen annehmen, die, auf jeden Fall unter den professionellen Erzählern, dem Erzählen zu einem Kunststatus verhelfen. Was Kunst ist, ist ein ebenso weiter und tiefer Diskurs wie der, was Mythos oder Naturwissenschaft ist. Eine häufige Auffassung, wie wir sehen werden seit Platon, ist, dass Mythos und Kunst sich in ihrer Methodik sehr ähnlich sind, jedoch gerade auch darin einen Gegensatz zur Wissenschaft bzw. Philosophie bilden. Denn sowohl die Kunst als auch der Mythos bedienen sich nach diesen Auffassungen vornehmlich der Methode der Allegorie – sie arbeiten also mit Metaphern, (Ab-)bildungen, Gleichnissen und Personifikationen im weitesten Sinne. Barbara Borg definiert den Begriff Allegorie folgendermaßen: „Der Begriff Allegorie setzt sich zusammen aus a;lloj und avgoreu,ein und bedeutet somit im weitesten Sinne; ‚etwas anderes sagen’ oder ‚etwas anders sagen’, nämlich etwas ander(e)s, als es zunächst den Anschein hat. Als kreativer Prozess ist die Allegorie demnach eine indirekte Ausdrucksweise, die mit der vordergründigen Aussageebene, dem sog. Literalsinn, einen Hintersinn, eine zweite, oftmals die eigentlich wichtige Aussage verbindet“. (Borg, 2002, S.41) Hübner merkt dazu an, dass schon bei den Stoikern und Epikuräern „mythische Erzählungen als Gleichnisse und Personifikationen von Naturmächten aufgefasst (wurden), welche die Folgen primitiver Unwissenheit und der allgemeinen Neigung der Menschen sind, das Unbegreifliche nach Menschenart zu deuten (…)“. (Hübner, 1985, S.50.) Über Platon hingegen schreibt Borg, dass er „die Allegorese als hermeneutische Technik zur Erklärung und Rechtfertigung älterer Dichtungen ebenso wie die Allegorie als kreativen Prozess“ kannte. (Borg, 2002, S.41) Gleichzeitig war Platon der erste griechische Philosoph, der sich ausdrücklich gegen diese Praxis und damit auch gegen Mythen allgemein wandte. Seine Ablehnung beruhte auf der konzeptionellen Trennung zwischen Schein und Wirklichkeit wie er sie unter anderem im Höhlengleichnis verdeutlichte.

So zeigt Brisson, dass Platon „das Feld um die altgriechischen Begriffe für „sprechen“ und „sagen““ neu ordnete, zu dem sowohl mu/qoj als auch logoj gehörten“. (Brisson, 1996, S.26) Mit Logos bezeichnete Platon den überprüfbaren argumentativen Diskurstyp, der als Philosophie in der Lage ist, Wahres und Falsches voneinander zu trennen, indem er unter anderem argumentativ die Teilhabe der Dinge der Welt an den intelligiblen Formen prüft und ihnen somit Wirklichkeit zusprechen oder aberkennen kann. Auf der anderen Seite steht für Platon der Mythos, der als Diskurstyp nicht überprüfbar ist. (Brisson, 1996, S.26ff) Platons Grundprämisse bei der Neukonzeption des Sprachfeldes um mu/qoj und logoj ist seine Vorstellung einer absoluten Wirklichkeit, die sich in den intelligiblen Ideen ausdrückt, deren Erkenntnis sich der Philosoph widmen muss. Nur durch diese Prämisse einer absoluten und reinen Wirklichkeit der Ideen wird verständlich, dass Platon Dualismen wie Sein und Schein, Vorbild und Abbild, Übersinnliches und Sinnliches nicht nur als solche gegeneinander stellt, sondern diese auch einer starken Wertung unterzieht. Je weiter sich ein Phänomen dieser Welt von der Ideenwelt löst, desto weniger Wert besitzt es für Platon als Gegenstand der Erkenntnis. Von diesem Blickpunkt aus muss jede Allegorie als etwas aufgefasst werden, das sich dem überprüfbaren, argumentativen, kontrolliert-logischen Diskurs entzieht und somit nicht zur Erkenntnis der reinen Ideen beitragen kann. Alles, was die Allegorie und damit Kunst und Mythos nach Platon kann, ist Abbildung, mit der man sich nur weiter von den reinen Ideen entfernt.

Diese grundsätzliche Trennung zwischen künstlerisch-mythischen und philosophisch-wissenschaftlichen Diskurs wurde auch in der Folge beibehalten. Ihre Bewertung allerdings fiel sehr unterschiedlich aus. So weist Brisson darauf hin, dass auch für Aristoteles der Mythos nachbildend arbeitet. Er tut dies jedoch nicht wie bei Platon, indem er ein schwaches Abbild der Realität schafft, sondern indem er „verallgemeinert und sublimiert“. Diese Dichtung, die vom Besonderen zum Allgemeinen strebt, steht damit für Aristoteles im Streben nach Weisheit höher als die Geschichtsschreibung, die im Besonderen verhaftet bleibt. (Brisson, 1996, S.42) Auch später, bis ins 20. Jahrhundert hinein, wurde die Allegorie sehr unterschiedlich bewertet und blieb, wie Brisson verdeutlicht, gerade auch in schriftlichen Diskursen erhalten. So wurde sie vor allem dort herangezogen, wo es auf unterschiedlichen, nicht weiter logisch zu hinterfragenden Prämissen basierende Wert- und Weltvorstellungen zu interpretieren, zu vergleichen und zu legitimieren galt. (vgl. Brisson, 1996, S.222) Doch was leistet die Allegorie und welche Funktionen übernimmt sie innerhalb des Mythos? Borg schreibt: „In der Antike wurde sowohl diese kreative Perspektive desjenigen, der eine Allegorie schafft, als auch die Rezeptionsperspektive dessen, der die Allegorie zu verstehen bemüht ist, also die hermeneutische Praxis, Allegorie genannt (…)“. (Borg, 2002, S.41) Besonders deutlich an dieser Definition zeigt sich der reziproke Charakter zwischen – im Fall der mündlich erzählten Mythen – Erzähler und Hörer, auf den ich noch eingehen werde. Borg erklärt anhand der Kunsttheorie Winkelmanns weiter:

„Die Verbildlichung und dadurch (in jedem Sinne) anschauliche Vermittlung dieser nicht-sinnlichen Inhalte, der Bedeutungshaltigkeit der empirisch erfahrbaren Welt, allgemeiner Werte und Wahrheiten, könne nur durch Allegorie erfolgen. (…) Die Wirksamkeit eines Kunstwerkes beruht demnach zum einen auf einer Herausforderung an den Verstand und zum andern auf einem Moment der emotiven Ansprache, der Überraschung und Verwunderung über etwas nicht alltägliches. (…) [Die Natur ist] selbst allegorisch, denn sie spricht in Bildern, die nicht willkürlich und zufällig sind, sondern innere Zusammenhänge und Wahrheiten spiegelt.“ (Borg, 2002, S.14)

Der Dichter von Mythen muss nach dieser Winkelmannschen Theorie zuerst die Bilder der Natur in Begriffe übersetzen, das heißt, er bezieht seine Inhalte in einem verstehenden Prozess aus seiner (natürlichen) Umwelt. In einem zweiten Schritt muss er die gewonnenen Begriffe wieder in Bildern verschlüsseln, die er dann in Form mythischer Erzählungen weitergibt. Auf diese Weise werden bedeutungshaltige Bilder geschaffen, die Begriffe symbolisch umsetzen, die ihrerseits wieder aus der Erfahrung stammen. (Borg, 2002 S.15) Die Beschreibung von Erfahrungen in Mythen ist damit nicht willkürlich, sondern durch symbolische Begrifflichkeit geprägt. Zudem bricht der hermeneutische Prozess nicht beim Dichter bzw. Erzähler ab. Auch diejenigen, die, wie Borg schreibt, die Allegorie zu verstehen bemüht sind, nehmen am hermeneutischen Verstehensprozess teil. Das allegorische Schaffen von Bildern, Personifikationen und Symbolen und gleichzeitig das Verstehen dieser durch die Hörer ist ein reziproker Prozess, der nicht einseitig gelenkt wird. Auf diese Weise entsteht ein Diskurs, der nicht nur durch Sprache, sondern gleichermaßen durch verschiedene Symbolstrukturen sowie Verstehens-, Erfahrungs- und Handlungsmuster artikuliert wird. Dadurch besitzt dieser Diskurs eine polyvalente, ungleich zentrierte Struktur, die sich sowohl durch Offenheit als auch durch kulturelle, materielle, soziale u.a. Begrenzungen auszeichnet. Man könnte damit Mythen – und zwar insbesondere das Erzählen von Mythen – als eine spezifische künstlerisch-diskursive Praxis bezeichnen, deren Funktion darin liegt, als symbolisches Denken sowohl kulturelle und persönliche Erfahrungen mit der Natur abzugleichen, als diese auch zu kommunizieren, wobei vorerst offen bleibt, wie dieses Abgleichen der Erfahrung mit der Natur vonstatten geht. Dieses Abgleichen und Übersetzen von Erfahrungen kann ohne Einschränkung als Begriffsarbeit bezeichnet werden. Dies ist vor allem deshalb von Bedeutung, da als besonderes Unterscheidungsmerkmal zwischen Mythos und Naturwissenschaft oft gerade die Begriffsarbeit angegeben wird, die dem Mythos fehle. Die Allegorie als zentrale Methodik des Mythos bestimmt also, auf welche Weise Funktionen wie Erfahrungsverarbeitung, Weltverstehen, Zurverfügungstellen von Handlungsmustern und kulturellen Wertesystemen und damit persönliche und soziale Identifizierung übernommen und umgesetzt werden.

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