Die Struktur eines Ortes, bei Alexander einer Stadt oder eines Gebäudes, liegt nicht allein begründet im Material oder einer gestalterischen Idee, sondern in den Beziehungen der Muster zueinander. Muster eröffnen die Möglichkeit in unendlichen Variationen immer wieder neue lebendige Orte zu schaffen, weil Muster gerade nicht wie ein Baukastensystem funktionieren, sondern weil in Mustern schon ein spezifischer und doch variabler Zusammenhang zwischen einem räumlichen Aspekt und einem Vorkommnis kodiert ist. Das Muster HANDARBEIT IM SCHATTEN kann in tausenden Ausprägungen entstehen und es kann Teil von unendlich vielen räumlichen Konfigurationen und damit von lebendigen Orten werden und trotzdem handelt es sich immer um das Muster HANDARBEIT IM SCHATTEN. Muster wiederholen sich also und doch gleicht keine konkrete Ausprägung eines Musters einer anderen. Alexander sieht hier eine weitere Verbindung zur Natur: Auch in der Natur finden sich keine zwei Blätter, die genau gleich sind oder Ozeanwellen, die exakt die gleiche Form besitzen und doch ist das gleiche, wiederholende Muster in ihnen erkennbar.

Wenn die Qualität ohne Namen entsteht, dann heißt das für Alexander, dass die Muster und ihre Beziehungen untereinander Orte entstehen lassen, an denen es möglich ist, innere und äußere Konflikte zu lösen, während ein Ort an dem diese Qualität nicht entsteht, den Stress erhöht und innere und äußere Konflikte eskalieren lässt.

Was genau ist aber nun ein Muster? Ich habe schon beschrieben, dass ein Muster aus einer räumlichen Komponente in Kombination mit einem Vorkommnis besteht. Alexander, der ursprünglich als Mathematiker ausgebildet wurde, findet eine noch  nüchternere Beschreibung: ein Muster ist eine Kombination aus einem Kontext, einem Problem und dessen Lösung. Das Muster HAUPTEINGANG z.B. verdeutlicht, dass mit der Position des Haupteingangs eines Gebäudes unter Berücksichtigung der Umgebung eine der wichtigsten Entscheidungen für die Gestaltung eines Gebäudes überhaupt getroffen wird. Die Position des Haupteinganges beeinflusst die Innenaufteilung des Gebäudes, die Hauptverkehrswege zu und von dem Gebäude. Alexander merkt an, dass eine gut gewählte Position des Haupteingangs alle Bewegungen in und außerhalb des Gebäudes positiv beeinflusst, dass aber ein schlecht gewählter Haupteingang dazu führen kann, dass nichts im und um das Gebäude im richtigen Verhältnis zueinander erscheinen wird. Die Lösung ist daher Haupteingänge so zu platzieren, dass sie von den Hauptverkehrswegen direkt zu erreichen sind, dass sie klar erkennbar eingefasst sind und dass sie einen zentralen Platz innerhalb der Hausfassade einnehmen, um einen guten Zugang zu den inneren Bereichen zu gewährleisten. Trotzdem muss nicht ein Haupteingang einem anderen gleichen. Ein anderes Beispiel ist das Muster GEMEINSCHAFTLICH ESSEN. Egal ob Menschen an einem Ort gemeinsam Arbeiten, als Gemeinschaft leben oder Freizeitbeschäftigungen nachgehen: das Muster GEMEINSCHAFTLICH ESSEN darf Alexander zufolge nicht fehlen, soll der Zusammenhalt dieser Gruppen auf Dauer funktionieren. Damit dieses Muster funktioniert, bedarf es eines angemessenen und fürs Essen eingerichteten Raumes, sowie eines zeitlichen Rhythmus, der allen Beteiligten bekannt ist. Wieder gilt: obwohl man klare Regeln für das optimale Funktionieren eines Musters erstellen kann, wird die jeweilige konkrete Ausprägung sehr unterschiedlich ausfallen.

Wenn man die Muster liest, die Alexander und seine Kollegen in A Pattern Language gesammelt haben, dann überkommt einen oft das Gefühl, dass hier so allgemeine Wahrheiten beschrieben werden, dass man kaum glauben kann, dass überhaupt die Notwendigkeit besteht, sie aufzuschreiben. Sie sind so einfach und eingängig, dass es fast schon unangenehm ist sie auszusprechen. Doch die Erkenntnis eines guten lebendigen Musters allein lässt noch keinen lebendigen Orte, der die ‚Qualität ohne Namen’ besitzt entstehen. Es muss noch etwas dazu kommen, nämlich die Fähigkeit Muster so miteinander in Beziehung zu setzen, dass sich in immer neuen Variationen individuelle Orte ausprägen und mit Leben füllen. Und dazu bedarf es der Mustersprachen.

Alexander hat sich während seiner Beobachtungen immer wieder gefragt, warum er die ‚Qualität ohne Namen’ vor allem in traditionell gewachsenen Städten, Dorfstrukturen und Gebäuden vorfand, obwohl es hier weder Stararchitekten noch städtebauliche Masterpläne gab. Vielmehr schien es Alexander, als seien diese Orte fast organisch aus unzähligen, nicht miteinander abgestimmten Einzelentscheidungen und Arbeitsschritten gewachsen, die oft architektonisch ungebildeten Menschen vor Ort durchgeführt wurden. Seine Erklärung ist, dass die Menschen solcher traditionell gewachsener Orte unbewusst über eine gemeinsame Mustersprache verfügten.

Eine Mustersprache stellt sich Alexander als ein großes Repertoire an kulturellen und regional natürlichen Mustern vor, die die dort lebenden Menschen mit der Muttermilch aufgesogen haben. So, wie wir mit den Wörtern unserer Sprache Sätze von Bedeutung formulieren können, so sind diese Menschen in der Lage, die Muster ihrer Kultur und ihrer natürlichen Umgebung zu kombinieren, um Gestaltungsentscheidungen zu treffen, z.B. beim Bau einer neuen Scheune, bei der Anlage eines neuen Terrassenfeldes in einer Bergregion oder beim gemeinsamen Bau eines Tempels. Nur so kann sich Alexander die große Gemeinsamkeit bei gleichzeitig unendlicher Individualität der Gebäude erklären, egal ob es sich um die mit Ochsenblut gestrichenen schwedischen Landhäuser handelt, um die langgezogenen Niedersachsenhäuser mit ihren grünen Doppeltoren, um bretonische Dorfplätze mit ihren Kirchen und rechtwinkeligen Grünflächen oder die Cluster von Almdörfern in den Alpen. So besteht ein Niedersachsenhaus aus dem 19. Jahrhundert u.a. aus den Mustern:
EINGESCHOSSIG
HEUBODEN IM DACH
EIN DRITTEL WOHNBEREICH, ZWEI DRITTEL STALLBEREICH
TIEFGEZOGENES RETDACH
HOLZSTÄNDERWERK MIT ZIEGELGEFACHE
KLEINE FENSTER AN DEN SEITEN
GRÜNES DOPPELSCHEUNENTOR
SEITENTÜR ZUM BAUERNGARTEN
OFFENE FEUERSTELLE IM GEMEINSCHAFTSBEREICH
PFERDEKÖPFE ALS GIEBELZIERDE
SCHLAFALKOVEN…
Es gibt kaum ein Niedersachsenhaus, dass von diesen Mustern gravierend abweicht und doch werden sich nicht zwei gleiche Niedersachsenhäuser finden. Bei Mustersprachen handelt es sich trotzdem nicht um Baukastensysteme, denn die individuell ausgeprägten Muster in ihrem jeweiligen lebendigen Zusammenspiel bilden eine je neue Gestalt, die sich durch ein bloßes addieren von Modulen nicht erreichen ließe. Diese Muster, die aus der Verwendung der gleichen Materialien, der ähnlichen räumlichen Anordnung der Bauelemente und der kulturell geprägte Gemeinsamkeit der Nutzung entstehen, führen frappierend oft zu Orten, in denen Alexander die ‚Qualität ohne Namen’ ausmacht.

Zur Zeit wird viel von kollektiver Intelligenz gesprochen. Alexander hat mit seiner Mustersprachentheorie meiner Meinung nach einen guten Ansatz gefunden, um kollektive Intelligenz zu erklären. Er schreibt: „Auf die gleiche Art können Gruppen ihre größeren öffentlichen Gebäude erhalten, in dem sie einer gemeinsamen Mustersprache folgen, fast so, als hätten sie einen gemeinsamen Geist. Zu guter Letzt, innerhalb des Rahmens einer gemeinsamen Mustersprache, werden Millionen individueller Bauhandlungen zusammen eine Stadt generieren, die lebendig und ganz ist, unvorhersagbar und ohne Kontrolle. Dies ist die langsame Entstehung der ‚Qualität ohne Namen’, fast wie aus dem Nichts.“ (TWB S.xiiv-xiv)

Heute sind diese gemeinsamen, kulturell geprägten Mustersprachen zusammengebrochen. Insbesondere in der westlichen Welt ist kaum ein Mensch mehr in der Lage, ein einfaches Wohnhaus oder auch nur einen Werkzeugschuppen nach den Mustern seiner Region und Kultur zu gestalten und zu erstellen. Statt dessen haben wir uns mit der industrialisiert-modularisierten Baumarkt- und Schöner-Wohnen-Fertighauskultur abgefunden, deren Muster selten an örtlichen, natürlichen und menschlichen Bedürfnissen, sondern meist an Produktions- und Marktzwängen orientiert sind. Kein Wunder, dass die daraus resultierenden Orte selten originäre und individuelle Antworten auf die Probleme, Bedürfnisse und Lebenskontexte der Menschen enthalten, noch, dass aus der Kombination dieser oft pervertierten Muster Orte entstehen, denen die ‚Qualität ohne Namen’ vollständig abhanden gekommen ist. Diesen Mangel beheben dann auch die Prestigebauten großer Architekten nur selten, versuchen sie doch oft die fehlende ‚Qualität ohne Namen’ und die damit einhergehende Sinnleere mit einem von diesem Mangel ablenkenden kollektiven Wow-effekt visuell zu übertönen. Solche Orte haben so sehr ihre eigene innere Berechtigung verloren, dass der Anthropologe Marc Augé schreibt: „Wenn ein Ort definiert werden kann als relational, historisch und mit Identität belegt, dann muss ein Ort, der nicht relational, historisch oder mit Identität belegt ist, als Nicht-Ort (non-place) gelten.“ (NP S.77)

Für Alexander erschließt sich daraus eine Aufgabe, die uns alle betrifft: wir müssen wieder lernen, Mustersprachen zu sprechen. Dafür können wir aber nicht mehr auf überlieferte und kulturell erlernte Muster zurückgreifen, da diese zum einen verloren sind, zum anderen aus Kontexten stammten, die es heute so nicht mehr gibt und drittens oft ebenfalls limitiert waren. Vielmehr müssen wir unsere eigene Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Beobachtungsfähigkeit schulen, um die Muster ausfindig zu machen, die weiterhin in unseren heutigen Kontexten funktionieren und aus diesen Beobachtungen unsere eigenen Sammlungen an Mustern und damit Mustersprachen erstellen. Das ist jedoch eine Aufgabe, in die man erst hineinwachsen muss. Man muss den leisen Ahnungen nachgehen, aufhorchen wenn einem Muster von Bedeutung begegnen, ihren Spuren folgen, sie umkreisen und die Schätze heben, die in unseren Beobachtungen verborgen liegen. Nur so verdichten sie sich zu Mustern von Bedeutungen und nur so entstehen neue lebendige Mustersprachen, die das Potential in sich tragen mit ihnen Orte gestalten zu können, die die ‚Qualität ohne Namen’ tragen.

Alexander ist oft vorgeworfen worden, er wolle auf diese Weise allen Architekten eine gleiche einförmige Architektur aufzwingen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Es geht Alexander darum, dass jeder aus seinen eigenen Beobachtungen und Erfahrungen Mustersprachen entwickelt, die im eigenen Kontext funktionieren. Das Buch, in dem er mit seinen Kollegen die eigene Mustersprache veröffentlicht hat, heißt A Pattern Language und nicht The Pattern Language. Anders würden Mustersprachen gar nicht in der Lage sein, das persönliche kreative Potential in einem gegebenen Zusammenhang auszuschöpfen. Mustersprachen zu entwickeln heißt immer auch die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Kontext, in dem man sich befindet zu suchen. Alexander merkt an: „Wir müssen zuerst eine Disziplin lernen, die uns die wahre Beziehung zwischen uns und unserer Umgebung lehrt.“ (TWB S.16)

Wenn wir diesen Weg gehen, dann bleiben auch wir selbst nicht unberührt von dem Prozess, der aus unserer bewusst beobachtenden und handelnden Partizipation entsteht. Wir nehmen Teil an der spezifischen Beschaffenheit eines Ortes und dieses Ereignis erzeugt in uns einen Widerhall. Unausweichlich lernen wir aus unserer Suche nach Möglichkeiten harmonische, lebendige Orte zu gestalten auch etwas über uns selbst: „Wir erkennen, dass wir schon vorher wussten, wie wir ein Gebäude lebendig machen konnten, aber dass diese Kraft in uns eingefroren war: dass wir sie besitzen, aber dass wir Angst haben, sie zu nutzen, dass wir verkrüppelt sind durch unsere Ängste. (…) Und was letztendlich passiert, ist, dass wir lernen, wie wir unsere Ängste überwinden.“ (TWB S.13)

„Paradoxerweise lernst Du, dass Du ein Gebäude nur dann lebendig machen kannst, wenn Du frei genug bist, um die Muster von Dir zu weisen, die Dir gerade noch geholfen haben. (…) Daher mag es Dir vorkommen, dass Mustersprachen doch nutzlos sind. (…) Aber es ist Deine Mustersprache, die Dir geholfen hat, Dein Ego loszulassen. (…) An diesem Punkt sind die Muster nicht länger wichtig: die Muster haben Dir geholfen, offen zu sein für das, was real ist. (TWB S. 542-545)

Bibliographie:

  • Alexander, Christopher (1979): The Timeless Way of Building. Oxford University Press, New York. (TWB)
  • Alexander, Christopher, Sara Ishikawa et.all. (1977): A Pattern Language. Oxford University Press, New York. (APL)
  • Augé, Marc (1995): non-places. Introduction to an anthropology of supermodernity. Verso, London. (NP)
  • Fontane, Theodor (1963): Effi Briest. In: Sämtliche Werke, hrsg. Walter Keitel, vierter Band: Romane, Erzählungen, Gedichte. Carl Hanser Verlag, München.

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