Unsere Beziehung zur Welt prägt, wie wir die Welten, in denen wir Leben und Arbeiten wollen, gestalten.

Jascha Rohr
Oldenburg, Huntlosen; 10.12.2017

„Meine These ist, dass es im Leben auf die Qualität der Weltbeziehung ankommt, das heißt auf die Art und Weise, in der wir als Subjekte Welt erfahren und in der wir zur Welt Stellung nehmen; auf die Qualität der Weltaneigung.“ (Rosa, 2016a) S.19

Eintauchen

Da wir selbst es sind, die die (Um-)Welten gestalten in denen wir leben, sollten wir davon ausgehen, dass wir dies in einer Weise tun, um in diesen Welten glücklich, gesund, ausgeglichen, kreativ und zufrieden werden; um lebendig sein zu können. Eine von Menschen gestaltete Stadt, so könne man annehmen, wäre dann ein für die Menschen idealer Lebensraum, der Ihnen Schutz, Nahrung, Gemeinschaft und kreative Betätigung ermöglicht. Ein Arbeitsgebäude wäre dann ein Ort, der angenehm, ästhetisch ansprechend und gesundheitsfördernd wäre und uns räumlich in unseren produktiven und kreativen Aktivitäten unterstützt. Eine Organisation, die von Menschen geschaffen wäre, so sollte man annehmen, könne nichts anderes sein, als ein Zusammenschluss von Menschen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen und die sich optimale Strukturen schaffen, um dieses Ziele gemeinsam zu erreichen. Ein Planet, der von Menschen bewohnt und von Ihnen gestaltet wird, müsste ein Lebensraum sein, auf dem die Menschen sich symbiotisch optimale Lebensbedingungen schaffen, Lebendigkeit fördern und die Lebenssysteme, von denen sie abhängen, schützen, pflegen und behutsam verbessern.

Es liegt eine seltsame Ironie darin, dass die Menschen, die sich als intelligente, vernunftbegabte und bewusste Wesen verstehen, genau damit ihre liebe Not haben: Umwelten zu gestalten, die Ihnen direkt und indirekt förderlich sind. Nicht, dass sie dazu nicht in der Lage wären: von ihren Veranlageungen her betrachtet verfügen Sie sicherlich über die notwendigen Potentiale. Auch nicht, dass es Ihnen nicht immer wieder tatsächlich gelänge wirklich schöne, heilsame, nützliche und gute, ja herausragende Dinge, Orte und Strukturen zu gestalten. Irritierend ist vielmehr der Fakt, wie häufig wir darin scheitern genau diese Qualitäten zu erreichen: dass unterm Strich viele Städte gefährlicher und krankmachend Orte sind, dass Gebäude triste und bedrückende Strukturen sind, dass Organisationen häufig Institutionen sind, die die darin organisierten Menschen verzwecken und dass der Planet Erde, oder sagen wir besser: die Ökosysteme, die die Grundlage auch unseres Lebens sind, gerade durch unser Tun, Handeln und Gestalten in alamierende, kaum zu erhaltende Zustände versetzt werden.

Ich möchte in diesem Artikel fragen, ob und wie es uns gelingen kann, anders zu gestalten: so zu gestalten, dass die Annahmen des einleitenden Absatzes mehr Norm als Utopie werden.

Denn gestalten müssen und werden wir. Ich kann mir kaum eine Welt vorstellen, in der Menschen nicht Orte, Gebäude, Kunstwerke, Organisationen, Staaten, Landschaften, Produkte durch ihr Tun verändern, gestalten, transformieren und erschaffen. Menschen sind Gestalter, Planer, Künstler, Designer, Entwickler, Schöpfer und werden es immer sein. Wo sie leben und arbeiten stellen sie Fragen, analysieren die Zustände und entwickeln Ideen, diese Zustände zu verbessern – wenn sie können und dürfen.

Wenn das aber so ist, dann müssen wir die Frage lösen, wie wir in Zukunft anders und besser im Sinne von nachhaltig, lebenserhaltend, lebendig, gut gestalten können. Wir müssen uns an unserem normativen Anspruch orientieren wie unser Zusammenleben sein sollte und dann Wege finden, diesen Ansprüchen auch wirklich gerecht zu werden. Zumindest einen Teil der Antwort glaube ich darin gefunden zu haben, dass es zukünftig notwendig sein wird stärker darauf zu achten aus welcher Beziehung zur Welt, aus welcher grundsätzlichen Haltung heraus und in welchem Modus wir mit der Welt gestalten.

Denken

Entfremdete Weltbeziehungen

Unsere Beziehung zur Welt wird seit jahrtausenden maßgeblich durch ein einziges erkenntnistheoretisches Grundmodell bestimmt auf dem alle feineren Weltbestimmungen ausdekliniert werden: den Subjekt-Objekt Dualismus. Die Vorstellung davon, dass die Welt grundlegend in zwei entitätische Sphären zerfällt, nämlich einerseits intelligible, aktiv handelnde, sich die Welt aneignende Subjekte (i.e. Menschen – lange Zeit auch nur Männer) und andererseits passive, willenlose und für jede Form der Aneignung zur Verfügung stehende Objekte (alles was Natur ist, produziert wird, oft auch Frauen, Sklaven, Barbaren, Andere)(vgl. Haraway et al., 1995).

Dieses Grundmodell ist in allen Varianten durchgespielt und ausgearbeitet worden. Mal mit einem stärkeren Fokus auf die Subjekthaftigkeit allen Seins, mal mit stärkerem Fokus auf die Objekthaftigkeit allen Seins, häufig als komplizierte Konstrukte der Wechselwirkungen zwischen Subjekten und Objekten. Da nimmt es nicht wunder, dass auch unsere Vorstellungen von Gestaltung, Design und Planung genau diesem Modell folgen: das, was plant und gestaltet ist Subjekt. Das, was beplant und gestaltet wird ist Objekt. Die Trennung ist sowohl erkenntnistheoretisch als auch semantisch so tief in unser Weltverstehen codiert, dass der Subjekt-Objekt Dualismus nicht mehr als das erkannt wird, was er ist: als Modell, mit dem wir uns die Welt erklären. Vielmehr wird er verstanden als Beschreibung der Welt, wie sie tatsächlich sei.

Wir müssen nicht die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno (Horkheimer und Adorno, 1969) lesen, um zu begreifen, dass durch das unhinterfragte Übernehmen des Subjekt-Objekt Dualismus unser Verhältnis zur Welt immer nur als ein geschiedenes, instrumentelles, verzwecktes dargestellt und gedacht werden kann. Die Welt steht uns, den Subjekten, sozusagen als Knetmasse gegenüber, die wir nach unserem Willen formen können und müssen. Andererseits beschränkt uns diese Objektwelt in unserer subjektiven Freiheit, woraus sich wiederum ableitet, dass wir uns diese Welt gefügig machen müssen wenn wir uns ihr nicht unterwerfen wollen.

Der französische Soziologe Bruno Latour schreibt treffend: „Schon der Ausdruck „Beziehung zur Welt“ zeigt, in welchem Ausmaß wir gewissermaßen entfremdet sind.“ (Latour, 2017, S. 32).  Für unsere von uns angenommene Macht als Subjekte, für die Position als von außen entwerfende Planer und Gestalter zahlen wir indess einen hohen Preis: unsere Entfremdung von der Welt, die wir zum Objekt unserer Gestaltung bestimmt haben. Doch im Grunde, so zeigt Latour, ist schon das Sprechen über eine Beziehung zur Welt ein Ausdruck einer tiefen Krise in unserer Beziehungsfähigkeit zur Welt. Würden wir uns selbstverständlich als Teil der Welt verstehen, so wäre das Sprechen von einer Beziehung zu ihr unnötig.

Ich glaube, dass diese grundlegende, im Modell des Subjekt-Objekt-Dualismus angelegte, Entfremdung von der Welt und die darin zum Ausdruck kommende Beziehungsunfähigkeit, als kategorisches Verstummen der Kommunikation zwischen uns und der Welt (denn miteinander kommunizieren können nur Subjekte) eine Erklärung dafür ist, dass unser Gestalten und Handeln in der Welt so instrumentell, brachial, verzweckend und monodirektional ist. Ist es nicht so, dass wir damit genau die Welt reproduzieren, die wir mit der Konzeption dieses Weltverhältnisses vorwegnehmen? Liegt es nicht auf der Hand, dass eine pathologische, stumme und entfremdeten Beziehung zur Welt dazu führt, dass wir auch pathologische, stumme und entfremdete Strukturen, Produkte, Systeme, Städte und Organisationen entwerfen und gestalten?

Die Alternative wäre, dass wir ein erkenntnistheoretisches Modell entwickeln, das unser In-der-Welt-sein auf andere konzeptionelle Grundlagen stellt und damit andere Zugänge und Haltungen zu Gestaltung möglich macht. Daraus können dann wiederum andere Gestaltungsergebnisse in einer neuen, besseren Qualität entstehen. Ein Schlüssel dazu sehe ich darin, dass wir beginnen Weltbeziehungen nicht als entfremdet, sondern als resonant zu denken.

Was ist Resonanz?

Resonanz heißt „widerhallen“ und ist ein Begriff aus der Musik und der Physik. Er beschreibt ein einfaches Phänomen: wenn ich ein Musikinstrument nehme, z.B. eine Gitarre und ich summe in einer gleitenden Folge Töne in den Korpus, dann werden verschiedene Töne in unterschiedlicher Intensität verstärkt. Meist gibt es einige Frequenzen, in denen der Korpus die Töne besonders verstärkt. Dies geschieht dann, wenn die Frequenz des gesummten Tones mit der Eigenfrequenz des Resonanzkörpers übereinstimmt. In diesem Fall schwingen sich die Wellen gegenseitig auf und der Ton wird besonders deutlich wahrnehmbar. Der Unterschied der Intensität zu den anderen, weniger resonanten, Frequenzbereichen ist deutlich hörbar. Resonanzphänomene sind auch im Brückenbau bekannt. Wenn die Schritte vieler Menschen eine bestimmte Frequenz erzeugen und diese Frequenz mit der Eigenfrequenz der Brücke übereinstimmt, so können sich die Schwingungen so weit aufschaukeln, dass die Brücke auseinanderbricht. Die Londoner Milleniumbridge musste genau wegen dieses Phänomens direkt nach Fertigstellung überarbeitet werden. Von Resonanz sprechen wir also dann, wenn zwei oder mehrere unterschiedliche Entitäten in einer Frequenz schwingen und sich dadurch gegenseitig verstärken, so dass diese Frequenz im Verhältnis zu anderen möglicherweise ebenfalls vorhandenen Frequenzen besonders deutlich wahrnehmbar werden.

Man kann diese Vorstellung nun in andere Bereiche, zumindest metaphorisch, übertragen. So gibt es zahlreiche Theorien, die mit Resonanzvorstellungen arbeiten. Als Beispiel sei die Luhmannsche Systemtheorie genannt, in der Resonanz beschreiben wird als „Übertragungsmöglichkeit zwischen miteinander verbundenen Systemen (…) aufgrund der Gleichartigkeit beider. Die Resonanz vollzieht sich derart, dass das zeitliche Verhalten in der einen Zone auf die andere übergeht bzw. übergehen kann. Zum Beispiel richten sich betriebliche Urlaubspläne nach den Schulferien eines Bundeslandes. Im Allgemeinen wird diese Übertragung desto besser, je ähnlicher die beiden Instanzen einander sind, und desto geringer, je unähnlicher.“ (Wikipedia, 2017)

Wichtig ist: damit Resonanz entsteht, muss die jeweilige Frequenz auf beiden oder mehreren Seiten von Beziehungsverhältnissen vorhanden sein: es müssen Ähnlichkeiten vorhanden sein, zumindest in Aspekten. Zwei vollständig und in all ihren Eigenschaften, Aspekten und Wirkweisen unterschiedliche Entitäten können keine Resonanz ausbilden. Allerdings können sich Frequenzen aufeinander zubewegen, bis eine Resonanz entsteht, so zum Beispiel beim Stimmen von Instrumenten in einem Orchester.

Resonante Weltbeziehungen

Unter der Überschrift Feld-Prozess-Theorie erarbeiten wir im Institut für Partizipatives Gestalten einen theoretischen Ansatz, auf dessen Basis Gestaltungsprozesse nicht im Modus von Entfremdung sondern von Resonanz gedacht werden können. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass sich aus einem veränderten Verständnis unserer Weltbeziehungen auch andere Gestaltungs- und Transformationsansätze und letztendlich andere, bessere Gestaltungsergebnisse ergeben. Ähnlich wie der Subjekt-Objekt-Dualismus ein erkenntnistheoretisches Modell ist, das letzendlich nicht auf beweisbaren Axiomen, sondern  auf gesetzten Prämissen und mit diesen in übereinstimmung gebrachten empirischen Erfahrungen basiert, so ist auch die Feld-Prozess-Theorie ein erkenntnistheoretisches Modell, das mit Hilfe gesetzer Prämissen und empirischer Beobachtungen aus der Praxis eine Übereinstimmung zwischen Erfahrungen und Theorie beschreibt.

In der Feld-Prozess-Theorie operieren wir mit drei zentralen Begriffen, die für das Verständnis resonanter Gestaltungsprozesse notwendig sind: 

Partizipateure: der Begriff der Partizipateure ersetzt für uns die Begriffe Subjekt und Objekt. Partizipateure sind alle Entitäten, menschliche sowie nichtmenschliche, konkrete sowie abstrakte, die eine Wirkung im jeweiligen Kontext entfalten. Partizipateure sind auf ontologischer Ebene gleich (d.h. es gibt keine grundsätzliche dualistische Unterscheidung, wie die zwischen Subjekten und Objekten). Partizipateure sind dadurch definiert, dass sie an einer Situation teilhaben, diese konstituieren und in dieser wirken. Ohne Wirkung keine Teilhabe. Sie sind jedoch alle jeweils in ihrer Teilhabe verschieden und polyvers insofern sie ihre je unterschiedlichen Wirkungsweisen besitzen. Ein Mensch ist demnach ebenso ein Partizipateur wie ein Stuhl, ein Raum oder eine Geschichte. Alle jeweils in einer Situation teilhabenden und damit wirkenden Partizipateure konstituieren ein Feld. 

Feld: das Feld ist der Kontext in dem Partizipateure mit ihren Wirkungsweisen miteinander interagieren. Ähnlich einem System lässt sich ein Feld über eine Grenzziehung definieren. Während systemtheoretische Vorstellungen jedoch damit arbeiten, dass Entitäten netzwerkartig über lineare Kausalbeziehungen miteinander verbunden sind und auf diese Weise komplexe bis chaotische, aber letztendlich immer nur mechanistische Wirkzusammenhänge bilden, geht die Feldvorstellung davon aus, dass sich Wirkungen nichtlinear wie Wellenringe im Wasser ausbreiten und somit die abstrakte Entfernung der Partizipateure untereinander auch die Stärke von Wirkungen beeinflusst. Die in Feldtheorien zur Darstellung von Wirkungen verwendeten Vektoren könnten als Kausalverbindungen missverstanden werden. Sie sind jedoch vielmehr vereinfachende Darstellungen der jeweiligen Wirkung eines Partizipateurs auf den anderen, die sich über die Konstellation aller Partizipateure im Feld konfiguriert. Somit ist jeder Partizipateur eines Feldes allen Wirkungen aller anderen Partizipateure dieses Feldes ausgesetzt. Wie ein Eisenspahn sich innerhalb eines Magnetfeldes ausrichtet, so richten sich auch Partizipateure innerhalb eines Feldes in Konstellation zu den Wirkungen aller anderen, das Feld konstituierenden Partizipateure aus.

Prozess: Jedes Feld ist konstant in dynamischer Bewegung und Veränderung. Nicht nur können Partizipateure in ein Feld ein- und austreten, sondern auch die Konstellationen der Partizipateure im Feld und die Stärke ihrer Wirkungen ist konstanten Veränderungen unterlegen. Diese konstante dynamische Veränderung bezeichnen wir als Prozess. Felder und Prozesse beschreiben daher das gleiche Phänomen aus unterschiedlicher Perspektive: Felder sind räumliche Beschreibungen eines Prozesses zu einem konkreten Zeitpunkt. Prozesse sind hingegen die Beschreibung eines Feldes in seiner zeitlichen Dynamik.

Diese theoretische Fundierung ist notwendig, um das Folgende zu beschreiben. Resonanz kann nun erklärt werden als der Zustand, in dem innerhalb eines gemeinsamen Feldes die Wirkungen von Aspekten des einen Partizipateurs mit den Wirkungen von Aspekten eines anderen Partizipateurs übereinstimmen (die gleiche Frequenz besitzen) und sich somit deutlich gegenseitig verstärken. Geschieht dies mit mehreren Partizipateuren eines Feldes gleichzeitig, wird die jeweilige Resonanz in einem Maße verstärkt, dass dieser Wirkungsaspekt besonders deutlich wahnehmbar wird und das Feld in besonderer Weise prägt, ihm sozusagen einen einzigartigen Charakter und eine spezifische Thematik verleiht, die ich Resonanzstruktur nenne. An dieser Resonanzsstruktur haben alle Partizipateure über ihre jeweilige Resonanz gemeinsam Teil. Das führt dazu, dass die Resonanzstruktur des Feldes bestimmender wird als die individuellen Partizipateure selbst. Das Wirkverhältnis zwischen Feld und individuellen Partizipateuren dreht sich um. Der Charakter der Resonanzstruktur des Feldes prägt die Partizipateure und lässt diese an seiner Wirkung teilhaben. Wir alle machen die Erfahrung, dass wir uns in unterschiedlichen Kontexten als unterschiedliche Menschen wahrnehmen. Bestimmte Aspekte verstärken sich und andere werden bedeutungslos, je nachdem in welchem Feld wir uns bewegen. Wir sind, zumindest in Aspekten, jemand anderes, wenn wir uns in unserem Arbeitskontext, in der Familie oder auf einer Auslandsreise bewegen. Das jeweilige Feld verändert die Stärke einzelner Aspekte in uns und lässt uns anders denken, empfinden und handeln. Kurt Lewin beschreibt in einem seiner Aufsätze wie ein Baum im Kontext eines Krieges eine andere Wirkstruktur erhält. Der schutzbietende Aspekt wird hervorgehoben, während zum Beispiel ökologische Interaktionen an Bedeutung für den vorherrschenden Kontext verlieren. (Zitat?)

Mit dieser theoretischen Konstruktion gehen wir im Verständnis von Resonanz einen radikalen Schritt weiter als Hartmut Rosa, der sich leider entschlossen hat, dem Phänomen der Resonanz im erkenntnistheroretischen Paradigma des Subjekt-Objekt-Dualismus nachzuspüren und daher der eigentlichen Ursache der Entfremdung nicht entkommt. Trotzdem bemüht er sich eine Sprache zu finden, in der Resonanz beschreibbar wird: „Das, was ich im Vorwort bereits andeutungsweise als Resonanzbeziehung zu identifizieren versucht habe, bezeichnet ohne Zweifel selbst ein dynamisches Interaktionsgeschehen (zwischen Subjekt und Welt), ein Verhältnis der Verflüssigung und Berührung, dessen Natur prozesshaft ist. (Rosa, 2016b, S. 55 Klammern des Autors)

Was Rosa als dynamisches Interaktionsgeschehen und als Verhältnis der Verflüssigung beschreibt, drückt im Grunde die oben beschriebene Perspektivumkehr aus: die in einem Feld resonant gewordenen Aspekte, Qualitäten und Kompetenzen sind identitätsstiftend für ein Feld, nicht mehr die einzelnen Partizipateure, die mit ihren jeweiligen Aspektanteilen in Resonanz zum Feld stehen. Dies deckt sich mit feldtheoretischen Konzeptionen von z.B. Lewin der als erster psychologischer Theoretiker gruppendynamische und therapeutische Verfahren sowie die erste Therorie von Veränderungsprozessen in Organisationen entwickelt hat, wenn er von Gruppen als vielschichtigen Resonanzkörpern spricht (Lewin, 2012). Auch Rosa erkennt:  „In umgekehrter Richtung fungiert der Körper zum einen als Teilhaber an den Weltereignissen; er tritt der Welt hier nicht manipulativ, sondern responsiv und partizipativ gegenüber; (Rosa, 2016b S. 149).

Wahrnehmen

Wie wir mit der Welt in kommunikative Beziehung treten

Um nun mit all diesen Partizipateuren in einen polydirektionalen und kokreativen Gestaltungsprozess eintauchen zu können, müssen wir verstehen, wie wir mit den verschiedenartigen Partizipateuren des Feldes, das gestaltet werden will, in einen Prozess der Kommunikation, des Austausch und der Aushandlung geraten können. Das Ziel ist es, aus resonanten Beziehungen und nicht aus entfremdeten Perspektiven heraus zu gestalten. Dazu müssen wir insbesondere verstehen, wie die Dinge der Welt zu uns sprechen und wie wir ihre Signale wahrnehmen können.

Nach dem bisherigen Modell des Subjekt-Objekt-Dualismus sind nur Subjekte kommunikationsfähig, dass heißt Subjekte können sowohl Information senden als auch empfangen und verarbeiten. Objekte können hingegen nur von außen beobachtet werden, mit Objekten können Dinge gemacht werden. Doch dieses Bild ist für unsere Zwecke irreführend. Gehen wir von der Feld-Prozess-Theorie aus, sind Partizipateure eher vergleichbar mit stehenden Wellen im Feld, an denen Wirkungen und Informationen zusammentreffen, prozessiert werden und als transformierte Informationen und Wirkungen wieder in das Feld zurückstrahlen. Das gilt für alle Partizipateur, wobei Art und Weise, wie dies jeweils geschieht, unterschiedlich sind.

Um uns kokreative Prozesse mit allen menschlichen, nichtmenschlichen, konkreten und abstrakten Partizipateuren denken zu können, müssen wir Kommunikation als Basis von Beziehung und daraus resultierender Entwicklung neu denken. Wie können wir mit Entitäten in Kommunikation treten, die keine Sprache in unserem herkömmlichen Sinn besitzen? Wie kommunizieren wir mit Dingen, Organisationen, Räumen, Kräften, Atmosphären, Strukturen, aber auch Menschen, die nicht sprachfähig sind, wie z.B. Neugeborenen, Menschen mit geistigen Behinderungen oder Menschen im Wachkoma? Wenn wir nicht über Sprache kommunizieren, wie dann? Im Sinne des Resonanzverständnisses kommunizieren wir über die Wahrnehmung und Prozessierung von Wirkungen im weitesten und umfassendsten Sinne. Partizipateure sind definiert als Entitäten, die ein Feld durch ihre jeweils spezifische Wirkung konstituieren. Diese Wirkung ist es, die für andere Partizipateure im gleichen Feld unmittelbar und mittelbar wahrnehmbar ist.

Die Kommunikationsmöglichkeiten von nichtsprachbegabten Partizipateuren beziehen sich somit auf andere Kompetenzen als Sprachbegabung im herrkömmlichen Sinn, nämlich auf solche Kompetenzen die andere Wirkungen verursachen, z.B. die (im Fall anderer Lebewesen) akustische und visuelle Signale aussenden, beobachtbares Verhalten zeigen, Botenstoffe aussenden oder darauf, dass sie (im Falle dinglicher Partizipateure) Räume definieren, Widerstände und Begrenzungen bieten, Farben reflektieren und wiederum darauf, dass sie (im Fall abstrakter Partizipateure) Emotionen auslösen, gesellschaftliche Normen und Strukturen bilden, Bedeutung erzeugen uvw. Michelle Serres schreibt dazu in seinem Naturvertrag: „Welche Sprache sprechen die Dinge der Welt, damit wir uns und mit ihnen – auf Vertragsbasis — verständigen können? (…) Zwar kennen wir die Sprache der Welt nicht oder doch nur ihre verschiedenen animistischen, religiösen oder mathematischen Versionen (…) Tatsächlich spricht die ERDE zu uns in Begriffen von Kräften, Verbindungen und Interaktionen, und das genügt, um einen Vertrag zu schließen. (Serres, 1994, S. 70f)

Akzeptieren wir jede Art von Wirkung auf uns und andere als Kommunikation und benutzen wir ferner die Analogie zu Frequenzen um Wirkungen unterschiedlicher Qualitäten zu beschreiben, dann können wir als menschliche Partizipateure für uns in Anspruch nehmen, für eine Vielzahl dieser Frequenzen empfänglich zu sein und somit mit Ihnen Resonanzen finden zu können. Ähnlich wie sich bei einem Radio die Frequenz eines einzelnen Radiosenders auf einem bestimmten Frequenzband einstellen lässt (Mittelwelle, Langwelle, Ultrakurzwelle etc.), so haben auch wir verschiedene Frequenzbänder, also Wahrnehmungskategorien, in denen wir Wirkungen klassifizieren und auf die wir unsere Wahrnehmung ausrichten können, zur Verfügung. Wir können auf dem jeweiligen Frequenzband der eigenen Wahrnehmung die Wirkung wie eine Frequenz lokalisieren, wenn wir selber Aspekte in uns haben, die auf diese Frequnz ansprechen, also zu ihr in Resonanz treten können. Unser eigener Organismus wird damit zu einem Resonator für Wirkungen im Feld. Dies ist, wie ich im dritten Teil „Kokreation“ beschreiben werde, die Ausgangsbedingung für kokreatives Gestalten im tieferen Verständnis.

Bevor ich auf die Kokreation eingehe, möchte im Folgenden sieben dieser Frequenzbänder beschreiben auf denen wir, wenn wir uns entsprechend „eintunen“, in eine kommunikative Beziehung mit Feld-Prozessen eintreten können. Unsere Erfahrungen mit kokreativen Gestaltungsprozessen hat uns gezeigt, dass unterschiedliche Menschen sehr unterschiedliche Affinitäten für bestimmte Wahrnehmungsbereiche besitzen um darüber ihre je eigene Kommunikation mit der Welt aufzubauen. So lassen sich einige Menschen eher emotional ansprechen, während andere ihr Beziehung eher über kognitives Verstehen aufbauen. Das ist kein Problem und, wenn methodisch richtig behandelt, kann in partizipativen Gestaltungsprozessen gerade diese Vielfalt der Zugänge und Beziehungen zur Welt eine besondere und wichtige Qualität ausmachen. Eine im menschlichen Sinne ganzheitliche Resonanzfähigkeit würde jedoch beinhalten, auf allen Frequenzbändern, also mit allen uns zur Verfügung stehenden Wahrnehmungsbereichen empfänglich und offen für Resonanzen zu sein.

Physische resonanz

Das erste Frequenzband auf dem wir Wirkungen wahrnehmen und somit mit der Welt in Kommunikation und Resonanz treten können ist das physische Frequenzband: unser Körper reagiert physisch auf Wirkungen eines Feldes. Er lässt sich von anderen Körpern begrenzen, einschränken und blockieren. Unsere physikalische Sensorik lässt uns Schall- und Lichtwellen wahrnehmen, ebenso wie Gerüche und Geschmack. Wir erleben Gravitation und Fliehkräfte, Luftdruck und Temperatur. Unser Körper kann auf diese Eindrücke mit difizielen Formen von Schmerz oder Wohlbefinden reagieren. Physikalische und chemische Prozesse unseres Körpers lassen uns zahlreiche Zustände erleben die von äußeren materiellen Einflüssen ausgelöst werden, z.B. durch Nahrung, Drogen oder auch den Entzug von Luft, Wasser und Nährstoffen. Unsere Muskeln, unser Nervensystem und unseren inneren Organe sind in der Lage, auf diverse materielle und physikalische Einflüsse zu reagieren. Unser Körper reagiert auf andere menschliche und nichtmenschliche Körper durch körperliche Erregung oder Abscheu.

Unser Körper reagiert aber auch physisch auf nichtmaterielle Einflüsse: er kann verkrampfen, schmerzen, ermüden wenn wir in Umstände geraten, die Stress auslösen oder uns emotional betreffen. Das kann bis zu dem Punkt gehen, dass wir uns übergeben müssen, wenn wir von negativen Einflüssen jeglicher Art besonders betroffen sind (z.B. wenn wir mit großem Elend oder plötzlichen Tod konfrontiert werden). Unser Körper ist in der Lage, uns mit sehr vielen unterschiedlichen Anzeichen Hinweise auf Themen im Feld zu geben, ohne dass wir die Ursache eindeutig lokalisieren könnten. 

Wir können unseren Körper in diesem Sinne tatsächlich als Resonanzkörper verstehen und viele hochsensibel Menschen wissen, dass wir unsere Körper regelrecht als Sensoren benutzen können, um vielschichtige Informationen über unsere jeweilige Umwelt zu erhalten. Ohne dabei die wahrnehmungsphysiologischen Vorgänge im Einzelnen erklären zu müssen, können wir bewusst registrieren, wenn unser Körper auf Einflüsse im Feld reagiert. Diese Resonanzen können wir dann entsprechend interpretieren und für die weitere Gestaltungsarbeit nutzen.

Nicht selten reagieren Menschen mit körperlichen Symptomen auf die Konfiguration von Organisationen, Orten, Gebäuden oder Ereignissen, ohne dass es klare physikalische Trigger dafür geben müsste, zum Beispiel mit Niedergeschlagenheit und Müdigkeit, mit Stress oder Herzrasen. Was dann üblicherweise als Psychosymatik beschrieben wird, sehen wir als konkreten Hinweis auf Konstellationen im Feld. Wir sollten daher solche körperliche Reaktionsfähigkeit als Potential, Kompetenz und Feldsensibilität begreifen, dann erhalten wir über das Verstehen der Symptome Hinweise auf Ansatzpunkte zur positiven Veränderung und Gestaltung der Organisation, des Orts, Gebäudes oder der Situation.

Emotionale resonanz 

Wir verfügen über eine ausgeprägte emotionale und psychische Sensorik, die uns in die Lage versetzt, unterschiedlichste Gefühle zu empfinden. Neben Gefühlen wie Wut, Ärger, Freude, Scham und anderen zeigen sich Resonanzphänomene vor allem über Empathie und Intuition. Beides sind Regungen, die in einem direkten Verhältnis zu anderen Partizipateuren stehen. So können wir Empathie für Menschen, Tiere, Gruppen, aber auch für Orte oder Institutionen, im Grunde für alle Partizipateuere eines Feldes, empfinden. Empathie ist von seiner Definition her resonanzorientiert. Wir können den inneren Zustand eines anderen Partizipateurs nachempfinden, weil wir uns in dessen Lage versetzen und diese mit eigenen Erfahrungen abgleichen können. So können wir z.B. selbst Einsamkeit empfinden wenn wir einen einsamen Menschen, ein einsames Tier, manchmal auch wenn wir eine einsame Landschaft oder sogar nur ein einsames Blatt im Wind beobachten, selbst wenn wir uns in der entsprechenden Situation selbst in Gesellschaft befinden.

Intuition basiert ebenfalls auf Erfahrung und drückt sich körperlich als auch psychisch aus, zum Beispiel in Form des sprichwörtlichen Bauchgefühls. Intuition kann in Bezug auf Felder und Prozesse so geschult werden, dass wir nicht nur auf einzelen Wirkungen reagieren, sondern auch komplexere Wirkstrukturen im Feld als Muster wiedererkennnen und darauf entsprechend reagieren.

Wenn wir über Resonanz und Gefühle oder psychische Dispositionen sprechen, könnte der Eindruck entstehen, dass Resonanz grundsätzlich etwas Gutes sei. Das muss aber nicht so sein. So gibt es auch negative Gefühle wie zum Beispiel Wut, Hass oder Angst, die ebenfalls die Resonanzsstruktur eines Feldes prägen und bestimmen können. In diesem Fall sind auch die negativen emotionalen Erfahrungen eine Möglichkeit Beziehungen entstehen zu lassen. Resonanz bedeutet nur, dass ein Thema, eine Qualität oder Wirkung aufgeworfen wird, mit der wir das jeweilige Feld verstehen und aus einer Perspektive der verteiften Beziehung mit ihm arbeiten können. Darum sind gerade negative und unangenehme emotionale Zustände starke Ansatzpunkte für Transformationen in kokreativen Gestaltungsprozessen. Es kommt bei der Arbeit mit Resonanzphänomenen immer darauf an, die jeweils feldprägenden Themen zu erkennen um mit Ihnen zu arbeiten. Das emotionale Frequenzband ist eine extrem wichtige und mächtige Ebene, auf der wir in Kommunikation und Resonanz mit der Welt stehen.

Kognitive rEsonanz

Bestimmte Gedanken, Ideen und Abstraktionen beschreiben Felder und die darin enthaltenenen Phänomene besser als andere. Über rationale Konstrukte wie Formeln, Theorien oder Konzepte können wir Sinn und Bedeutung erzeugen und komplexe Zusammenhänge verstehen. Über wissenschaftliche Methodik können wir intellektuelle Hypothesen an die Welt stellen, damit diese uns empirisch antwortet. Wissenschaftliche Einfälle und kognitive Kreativität verarbeiten komplexe Informationen zu neuem Verstehen über die Welt. Rationalität und Resonanzempfinden schließen sich nicht aus. Im Gegenteil ist Rationalität ein mächtiges Mittel, um Kommunikation mit der Welt zu realisieren. Wir müssen dazu aber verstehen, dass ein bedeutungsvoller Gedanke eben kein von der Welt losgelöster Einfall eines einzelnen Subjekts ist, sondern sich vielmehr als eine Wellenfunktion verschiedener Wirkungen von Partizipateuren im Feld konkretisiert.

Wissenschaftliche Genies haben ihre kognitiven Fähigkeiten immer als Instrument eines tiefen Austauschs mit der Welt eingesetzt, wenn teilweise auch nur in extrem spezialisierten Ausschnitten der Realität und wussten kreative Intuition und Rationalität sich gegenseitig zu ergänzen. Auch die spekulative und die analytische Philosophie sind Arbeitsmodi, um mit kognitiver Resonanz zu arbeiten. Logik und Mathematik haben die Qualität, Sprachfähigkeit über bestimmte Erkenntnisse herbei zu führen. Wissenschaft kann die Dinge zum Sprechen zu bringen.

Das Ziel kognitiver Resonanz ist somit immer das Wahre, im Sinne sinnvoller Bedeutungen im jeweiligen Kontext. Das Wahre ist aus Perspektive der Feld-Prozess-Theorie nie ein absolut Wahres sondern immer eine Wahrheit in Bezug auf und aus Perspektive von etwas. Wahrheit entwickelt sich in einem Narrativ, dessen Ursprung ein Prozess ist, der ein Feld bewegt. Das impliziert weder Kontingenz noch Beliebigkeit von Wahrheit. Das Gegenteil ist der Fall: Wahrheiten gerinnt und stabilisiert sich auf Basis der Felder in der sie gelten. Ohne diese dynamische Stabilisierung und Fundierung wäre Wahrheit irrational.

Neben diesen drei Hauptkategorien oder Frequenzbändern gibt es weitere Wahrnehmungsbereich in denen wir starke Resonanzerfahrungen machen können. Sie basieren auf den oben genannten physischen, emotionalen und kognitiven Kommunikationskanälen, stellen aber qualitative Sonderfälle dar:

Ästhetische resonanz

Die Ästhetik ist das Frequenzband, auf dem wir wahrnehmen, was schön oder hässlich ist, was uns anspricht, bewegt oder abstößt und empört. Im Grunde ist die Ästhetik eine Kombinatorik aus Körperempfinden, Emotionen und kognitiver Verarbeitung. Trotzdem möchte ich sie als eigenes Frequenzband besprechen, da wir über unser ästhetisches Empfinden in besonderer Weise Beziehungen zur Welt aufnehmen und mit ihr in Resonanz gehen können.

Dabei betreffen ästhetische Resonanzerfahrungen Erlebnisse sowohl in den Künsten als auch in der Natur. Auch mathematische Formeln oder Denkmodelle oder Körpererfahrungen wie Tanz oder körperliche Liebe können als ästhetisch oder unästhetisch empfunden werden. Ästhetik ist ein Mustererkennen von Feldwirkungen in höherer Komplexität als reine Emotionen, Körperempfindungen oder Gedanken. Vorherige Erfahrungen, Sozialisation und angelernte Wahrnehmungen spielen stark in dieses Mustererkennen hinein.

Kunst als eine direkte Form der ästhetisch geleiteten Interaktion kann aus der Perspektive der Feld-Prozess-Theorie verstanden werden als ein difiziler und gleichzeitig komplexer Vorgang des In-sich-hineinversetzens in ein Feld und als Zum-Ausdruck-bringen sowohl der inneren Zustände und Intentionen des*der Künstler*in als auch der anderen beteiligten Partizipateure. Künstler*innen lassen sich von Kontexten inspirieren – sowohl körperlich, emotional als auch kognitiv und verarbeiten diese Inspirationen zu ihrer Kunst. Sie arbeiten also direkt mit resonanten Wirkungen. Kunstwerke sind dann keine subjektiven Schöpfungen eines einzelnen Künstler mehr, sonderen Produkte der Auseinandersetzung mit anderen Partizipateuren in einem Feld. Kunstwerke könnte man daher auch als Kommunikationsprotokolle von diversen Partizipateuren untereinander beschreiben. Der menschliche Künstler hat sicherlich auf Grund seiner besonderen Kompetenzen eine herausragende Rolle innerhalb des Prozesses, diese Protokolle zu strukturieren, Ihnen Form zu verleihen und sie anzufertigen. Das, was durch ein Kunstwerk zum Ausdruck gebracht wird, ist aber kein Spiegel reiner subjektiver Schau auf eine objektive Welt, sondern immer das Ergebnis eines generativen Prozesses zwischen Partizipateuren mit verteilten Rollen im Feld.

Ethische resonanz

Das fünfte Frequenzband ist das, auf der ethische Resonanzen entstehen können. Auch dieses arbeitet mit physischen, emotionalen und kognitiven Frequenzen der Wahrnehmung, legt aber den qualitativen Fokus auf das Beurteilen von gut und schlecht im moralischen Sinn. Auch dabei gilt wieder: gut und richtig zu erkennen ist keine subjektive Leistung. Eine Feld-Prozess-Ethik würde sich in sofern von anderen ethischen Entwürfen unterscheiden, als mit ihr moralische Urteile auf Basis des jeweiligen Feldes (des Kontextes) und auf Basis des dynamischen Zustands des jeweiligen Prozesses gefällt werden. Das kommt pragmatistischen Ansätzen recht nahe. Moralische Prinzipien entwickeln sich dabei generativ aus und im Verhältnis zu dem jeweiligen Prozess.

Ethische Resonanz erfahren wir, wenn wir Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit empfinden und uns entsprechend betroffen fühlen. Sie können der Auslöser politischen Engagements sein und uns starke Impulse liefern, Handeln anzuregen, um zum Beispiel soziale oder ökologische Zustände zu verbessern. Bill Mollison sagte einmal, dass der Grund für sein ökologisches Engagement nicht Liebe für die Welt sei, sondern Wut über die Zerstörung der Welt. Eine starke ethische Resonanz, spürbar geworden über negative Emotionen, die ihm ein Leben lang Kraft für sein ökologisches Engagement gegeben hat.

Spirituelle resonanz

Spirituelle Resonanz erfahren wir, wenn wir uns transzendenten Erfahrungen hingeben, zum Beispiel in der Meditation, im Gebet, im Rausch oder im Traum. Enthaltsamkeit oder Ekstase, Entgrenzung und mysische Erfahrung sind Grundbedingungen für spirituelle Resonanz. Erweckungs- und Erleuchtungserfahrungen, tiefe innere Erkenntnisse und Einsichten aber auch eine geistige Kommunikation mit dem Namenlosen sind Resonanzerfahrungen, die starke Quellen sein können, um eine direkte Kommunikation und damit eine resonante Beziehung mit der Welt zu erleben. Spirituelle Resonanz geschieht auf einer Ebene die fundamental und direkt unsere Existenz und Nichexistenz betreffen.

Tatsächlich ist spirituelle Resonanz aber auch alltäglich erlebbar, z.B. beim Kochen, Lesen eines Textes, wenn wir Flowerfahrungen in unserer Arbeit oder im Sport machen. Über das bewusste und achtsame spirituelle Erleben, gelingen uns eine besonders tiefe und intensive Kommunikation mit der Welt.

Spiegelresonanz

Die Spiegelresonanz ist ebenfalls eine Sonderform und eine ganz spezielle Kategorie in der wir direkte Kommunikation mit der Welt erleben können. Während ich bei den oben genannten Resonanzerfahrungen davon ausgehe, dass sie immer etwas deutlich zu Tage treten lassen, dass in mir und in anderen Partizipateuren des Feldes gleichermaßen angelegt ist, so ist es bei der Spiegelresonanz so, dass ich tatsächlich Erkenntnisse, Empfindungen und Gefühle anderer Partizipateure zu einem so hohen Grad übernehme, dass eigene Aspekte dabei vollständig in den Hintergrund treten. Dadurch bekommen wir eine Stellvertreter*innenrolle, in der wir Dinge erleben, fühlen oder ausagieren, die mit uns nur in so fern zu tun haben, als wir uns zu ihnen in Bezug stellen. Erkennen wir, dass wir stellvertretend Empfinden, Denken oder Handeln, können wir dies transparent machen und kommunizieren und spiegeln so den Partizipateuren, denen die Empfindungen, Gedanken oder Handlungen eigentlich zu eigen sind, ihre jeweiligen Wirkungsweisen im Feld. Spiegelresonanzen sind z.B. aus der Aufstellungsarbeit bekannt. Während diese Aufstellungen jedoch Wirkkonstellationen in einem geschützten Setting simulieren bzw. nachstellen, treten diese in gleicher Weise auch in realen Prozessen auf, sozusagen als „Realaufstellungen“.

Resonanzerfahrungen lassen sich in konkreten Prozessen nur selten so trennscharf beschreiben wie ich das mit den oben genannten Resonanzkategorien versucht habe. Die hier dargestellten „Frequenzzbänder“ sollen nur verdeutlichen auf wie vielen unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen wir mit der Welt in resonante Bezihungen treten können. Die Beschreibungen der Bänder dient dazu, alle unterschiedlichen Beziehungsarten und Kommunikationsmodi mit der Welt ohne Diskriminierung anzuerkennen und nebeneinander zu stellen um sie in der Arbeit in kokreativen Gestaltungsprozessen nutzen zu können. Gleichzeitig sind sie eine Übung darin, sich in das angebotene Modell der Feld-Prozess-Theorie hineinzudenken und – zu fühlen. Dabei geht es mir darum, ein Modell anzubieten, mit dem wir die Welt als Resonanzraum und uns als Resonator*innen darin beschreiben können, um zu zeigen, wie wir andere Weltverhältnisse denken können.

Nur weil Babies, Landschaften, komatöse Menschen, Organisationen, Geschichten und Dinge keine Sprache besitzen, heißt das nicht, dass wir nicht in einen kommunikativen Austausch mit Ihnen gehen können. Nur weil wir als menschliche Partizipateure über Kompetenzen verfügen, die andere Partizipateure nicht besitzen (und umgekehrt), heißt das nicht, dass es einen fundamentalen, ontologischen Unterschied zwischen uns und allem anderen gibt. Im Gegenteil sind wir ebenso wie alles andere Teilhaber an der Welt, mit unseren jeweils ganz spezifischen Perspektiven und Kompetenzen. Zu diesen menschlichen Kompetenzen gehört es sicherlich auch, die Kommunikation anderer Partizipateure in unsere Sprache zu übersetzen und in dieser mit, über und für sie zu sprechen. Das impliziert eine besondere Verantwortung, die aus unserer spezifischen Begabung resultiert. Es zieht aber keine kategorielle und unüberwindbare Grenze zwischen uns und allem anderen in der Welt.

Die ganze Welt spricht zu uns – jederzeit. Dazu müssen wir keine Animisten werden. Wir müssen nur ein anderes Erkenntnismodell bemühen. Wir befinden uns in dem, was Bruno Latour etwas missverständlich ein Kollektiv aus menschlichen und nichtmenschlichen Wesen oder ein Parlament der Dinge bezeichnet. Donna Haraway spricht davon, dass wir gar nicht anders können als uns konstant in offenen Prozessen mit allen Partizipateuren auseinanderzustzen und nennt diesen konstanten Prozess „Staying with the trouble“. „Staying with the trouble requires making oddkin; that is, we require each other in unexpected collaborations and combinations, in hot compost piles. We become-with each other or not at all.“ (Haraway, 2016, S. 4)

Wir haben ein riesiges Inventar an Beziehungsmöglichkeiten zur Welt, wenn wir aufhören, jede Empfindung, jeden Gedanken, jedes Urteil immer nur als subjektive Leistung zu deuten, die mit der Welt um uns herum wenig bis gar nichts zu tun hat. Vielmehr ist es so, dass wir schon immer und dauerhaft in engster Verbdinung zur Welt stehen und unser eigenes Subjektempfinden eine Chimäre und Hybris ist. Statt dessen behaupte ich, dass wir als Wellenknoten im Feld immer schon mit diesem in Beziehung stehen. Wir haben keine außenstehende Beobachterposition, wir sind immer schon mittendrin, wenn wir uns für diese Wahrnehmungen öffnen und sie anders deuten. Tatsächlich sind wir immer schon nicht mehr und nicht weniger als ein diffusionsoffenes Teilfeld in den Feldern, in denen wir uns bewegen. Unsere Empfindungen und die Signale, die wir fälschlich als subjektiv interpretieren, sind direkte Rückmeldungen und Wahrnehmungsschleifen in das Feld hinein und gehen weit über die Grenzen unserer angenommenen Subjektivität hinaus. Letztendlich läuft dieses Modell darauf hinaus, dass wir viel weniger Individuum sind, und vielmehr schon immer Aspekte von und Teilhaber an Welt. Das was wir als Individualität und Subjektivität interpretieren, sind stabilisierte stehende Wellen in einem Feld voller Wirkungen, Einflüsse und Informationen.

Wer nun fürchtet die eigene Souveränität als Subjekt zu verlieren, dem kann ich versichern, dass das, was dafür gewonnen wird viel aufregender und wirkmächtiger ist: jetzt erst, mit diesem Verständnis, können wir zu Prozessor*innen, Transformator*innen und Kokreator*innen werden und lebendige Welten gestalten an denen wir inhärent Teil haben.

Gestalten

Kokreation

Kokreation entwickelt sich gerade zu einem Schlagwort das für Alles und Nichts verwendet wird. Wenn ich von Kokreation spreche sind für mich zwei Dinge entscheidend:

Erstens muss man den Begriff abgrenzen gegenüber den manchmal synonym verwendeten Begriffen der Kooperation und Kollaboration:

Kooperation heißt wörtlich „zusammen operieren“. Kooperation geschieht dann, wenn sich unterschiedliche Parteien zur Erreichung eines Zieles zusammentun. In der Regel vereinbaren sie dabei eine strategische oder taktische Partnerschaft bei der jede Partei unterschiedliche vorher vereinbarte Aufgaben übernimmt. Die Bearbeitung dieser Aufgaben wird dabei in der Regel gemeinsam koordiniert und aufeinander abgestimmt, aber jede Partei ist für ihre Aufgaben eigenverantwortlich. Hinter Kooperationen steht häufig ein ethischer Anspruch, Aufgaben und Projekte mehr miteinander und weniger gegeneinander zu bearbeiten.

Kollaboration heißt „zusammen arbeiten“. Kollaboration ist in meiner Definition die höchste Stufe der Partizipation. Menschen kommen zusammen, um gemeinsam ein Thema zu bearbeiten. Sie tun dies nicht nur, indem sie sich informieren lassen (informativ) oder über etwas gemeinsam sprechen (deliberativ) sondern in der direkten Zusammenarbeit (kollaborativ). Dass heißt, dass sie direkt gemeinsam planen, entwickeln, gestalten, konzipieren, sich auseinandersetzen. In einer Kollaboration kommen Menschen unterschiedlicher, teils auch divergierender Perspektiven, Hintergründe und Positionen zusammen (oder sie sind Mitglieder völlig unterschiedlicher Organisationen, Institutionen oder Nationen) und arbeiten direkt in diesen transdisziplinären Teams an konkreten Ergebnissen.

Kokreation heißt „gemeinsam kreieren oder schöpfen“ Ich definiere Kokreation daher als kreativen Prozess an dem unterschiedliche Partizipateure teilhaben um emergente, also neue, vorher noch nicht ersichtliche Lösungen, Ideen und Innovationen zu schaffen. Ich unterscheide, um dem inflationären Gebrauch des Begriffs vorzubeugen, flache und tiefe Kokreation voneinander. Während flache Kokreation einfach nur einen neuen Modus der kreativen Zusammenarbeit zwischen Menschen zu beschreiben versucht, definiere ich tiefe Kokreation als einen evolutionären und generativen Prozess zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Partizipateuren, der genuin Neues hervorbringt. Kokreation ist nicht auf die Teilhabe menschlicher Partizipateure angewiesen. Auch Evolution ist Kokreation wenn wir den Zufall durch den Kontext des Feldes ersetzen.

Während „Kreation“ den kreativen Prozess selbst bezeichnet, bezieht sich das „Ko“ auf die Teilhabe von in einem Feld verbundenen Partizipateuren an diesem Prozess. Das bedeutet, dass von Kokreation per definitionem nur dann gesprochen werden kann, wenn die Partizipateure in resonanten Beziehungen zueinander stehen und diese Beziehungen, die gemeinsame Resonanzsstruktur, die Grundlage ist, aus der heraus Gestaltung geschieht. Im Gegensatz dazu können Subjekte, die in entfremdeter, instrumenteller oder verzweckender Beziehung zu Objekten stehen niemals mit diesen in einem kokreativen Prozess interagieren. Im herkömmlichen Modell kann Gestaltung immer nur als das Gestalten von etwas durch einen außenstehenden gottähnlichen und objektivierenden Gestalter gedacht werden. Mit der Konzeption tiefer Kokreation innerhalb der Feld-Prozess-Theorie können wir hingegen ein Verständnis davon entwickeln, wie Gestaltung aus der kommunikativen, wirkungsvollen Interaktion verschiedenster Partizipateure innerhalb eines dynamisch sich verändernden Feldes geschieht.

Generative Prozesse

Wenn wir unser Zusammenleben und Zusammenarbeiten gestalten, dann sollten wir das zukünftig in kokreativen Prozessen machen: im Sinne der tiefen Definition von Kokreation. Dass heißt, dass wir die Gestaltung von Städten, Gebäuden, Organisationen, Produkten, Dienstleistungen, politischen Strukturen oder unserer Interaktion mit dem Planeten als dynamische und generative Prozesse denken, in denen die relevanten Partizipateure aus ihren resonanten Beziehungen zueinander in Transformationsprozesse eintreten und emergente Lösungen entwickeln. Generativ heißt dabei, dass die Prozesse selbst die jeweils nächsten Schritte generieren, statt sich linear entlang vorgeplanter Schritte zu entwickeln.

Dahinter steht ein einfaches Kalkül: nämlich, dass Gestaltungen, die aus resonanten Beziehungen im gemeinsamen Prozess entstehen, weniger zerstörend, krankmachend, pathologisch sind als Gestaltungen die aus entfremdeten, instrumentellen und verzweckenden Prozessen heraus entwickelt werden. Es ist für mich schwerer vorstellbar, dass aus einem Prozess an dem alle Partizipateure teilhaben eine Lösung entsteht, die einige oder die meisten dieser Partizipateure zerstört, verschmutzt oder instrumentalisiert. In Gestaltungsprozessen, die hingegen von einem oder mehreren außenstehenden Subjekten  ohne bzw. über die betroffenden Partizipateure durchgeführt werden, scheinen mir solche Resultate nahezu unvermeidlich. Kokreation ist damit auch ein radikalemanzipatorisches Projekt, dass für Emanzipation keine Grenze mehr zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Entittäen zieht.

Methodisch geschehen generative Veränderungs- und Gestaltungsprozesse entlang ähnlicher qualitativer Bewegungen:

Üblicherweise gibt es zu Beginn klar erkennbare Impulse, die Transformations- und Gestaltungsprozesse einläuten. In der Regel geschieht das dann, wenn Veränderungen notwendig werden, weil bisherige Strukturen nicht mehr auf neue Anforderungen reagieren, sich also verhärtet haben und erstarrt sind oder wenn sich Strukturen so sehr in Aufruhr und chaotischen Zuständen befinden, dass dringend neue Strukturierungen und Stabilisierungen notwendig werden. Beide Anlässe führen zur Notwendigkeit von Veränderung durch Gestaltung.

In individuellen Prozessen zeigt sich das zum Beispiel dadurch, dass man in einer privaten Beziehungssituation erkennt, dass man in der derzeitigen Situation weder seine Potentiale leben und seinen Bedürfnissen nachkommen kann. In Bezug auf Organisationen wie Unternehmen könnte dieser Zustand bedeuten, dass alte Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren. Global ist diese Situation z.B. dann gegeben, wenn deutlich wird, dass innerhalb der derzeitigen Konsum- und Wirtschaftsmuster notwendige Klimaziele nicht erreicht werden können. Alle drei Situationen rufen nach Veränderung und Gestaltung.

Was dann beginnt, nenne ich Immergenzphase: die relevanten Partizipateure versammeln sich, definieren das Feld und tauchen gemeinsam in die Intrakommunikation des Feldes ein, dass heißt, sie machen sich mit ihren jeweiligen Wirkungen vertraut, gleichen sich ab und stimmen sich aufeinander ein. Die dabei entstehenden Resonanzen werden zunehmend stärker und sichtbarer. Sie geben Aufsschluss darüber, welche Thematik, welches Problem, welche Qualität im Fokus der jeweiligen Transformation oder des Gestaltungsprozesses steht.

So kann man im Beispiel der persönlichen Beziehung erleben, dass dem oder der einen Partner*in während der Begegnungen mit dem oder der Partner*in immer wieder physisch kalt wird. Im Unternehmen analysiert man kognitiv, dass die bisherigen Geschäftsmodelle auf der Annahme beruhen, dass für die Kunden immer alles ganz einfach und leicht verständlich sein muss, weil man Ihnen nicht zutraut komplexe Informationen zu verarbeiten. Global wird deutlich, dass der Klimawandel fundamental mit globaler Gerechtigkeit zusammenhängt.

Das Herausfinden und Erkennen von starken Resonanzstrukturen im Feld führt meist dazu, dass Krisen entstehen, indem beispielweise Konfliktthemen, Störquellen aber auch besonders starke Entwicklungsmöglichkeiten und Deutungsoptionen überdeutlich sichtbar werden. Da diese jeweiligen Themen und Qualitäten eine Resonanzebene mit allen Partizipateuren bilden, sind auch alle Partizipateure von dieser Thematik zumindest in für den jeweiligen Prozess relevanten Aspekten stark davon betroffen.

So stellt sich im ersten Beispiel raus, dass beiden Partner*innen immer dann kalt wird, wenn die Sprache auf eine gemeinsame berufliche Zukunft fällt. Dem Unternehmen werfen die Kunden während eines Entwicklungsworkshops vor, dass die Produkte schon immer zu unterkomplex waren und die Kunden endlich in ihren eigenen Kompetenzen für voll genommen werden wollen. Im dritten Beispiel werden die Profiteure der globalen Ungerechtigkeit massiv mit den Auswirkungen ihres Handelns konfrontiert und global an den Pranger gestellt.

Nun gilt es genau diese sichtbar werdenden Themen als Ausgangspunkt für kreative Auseinanderstzungen ernst zu nehmen. Dabei können ungangenehme Krisensituationen für alle beteiligten Partizipateure entstehen. Die Partizipateure werden durch den Druck der spürbaren Resonanz gezwungen, sich neu zu positionieren, Aspekte, Haltungen und Kompetenzen anders zu strukturieren und sich somit zu transformieren. Krisen verlangen nach Richtungsentscheidungen um Transformation zu ermöglichen

Im ersten Beispiel beginnt man darüber nachzudenken, was nötig wäre, damit beiden wieder warm wird, beim Gedanken an die berufliche Zukunft. Man stellt fest, dass sich das Körperempfinden ändert, wenn man über die berufliche Zukunft an dem Ort spricht, oder an einem anderen. Es wird deutlich dass der gemeinsame Ort als Partizipateur entscheidend istund gar nicht die gemeinsame berufliche Tätigkeit. Im zweiten Beispiel läd man die Kunden ein, ein Produkt zu entwickeln, dass ihrem Anspruch gerecht wird. Dabei stellt sich heraus, dass die Kunden zukünftig nur noch selbst ihre Produkte entwickeltn möchten, sich dabei aber fachliche Unterstützung wünschen. Im globalen Beispiel wird deutlich, dass es einen großen Unterschied macht wie verschiedene Kulturen Klimagerechtigkeit bewerten und die Vielfalt der Perspektiven kein Hindernis, sondern ein Potential zur Lösung der Klimathematik sein könnte.

Haben wir erkannt, auf welche Thematiken, Qualitäten oder Partizipateure die Resonanzsstruktur abzielt und wird eine Richtungsentscheidung getroffen, kann sich das kokreative Potential des Feldes entlang dieses neuen Entwicklungspfades entladen. Das Feld richtet sich entlang der Entscheidungen neu aus und rekonfiguriert sich. Wirkungen verändern sich. Das führt zu völlig überraschenden neuen Lösungen und Innovationen. Aspekte die vorher weder sichtbar noch möglich waren, können sich nun ausbilden.

Mit der Entscheidung umzuziehen kommt ein neuer Ort als starker Partizipateur ins Spiel. Er regt das Paar plötzlich zu völlig neuen Ideen an, wie eine gemeinsame berufliche Zukunft gestaltet werden könnte. Die Kunden werden in einem neu gegründeten Lab Coproduzenten von Produkte, die sie wirklich benötigen und das Geschäftsmodell des Unternehmens wandelt sich von einem Produktanbieter zu einem Trainingsanbieter. Nun begleiten die Mitarbeiter ihre Kunden direkt bei der partizipative Entwicklung neuer Lösungen. In globalen dezentralen Workshops wird ein Klimagerechtigkeitsmodell entwickelt, dass nicht eine, sondern lokal jeweils völlig unterschiedliche Lösungen beinhaltet. Aus der Vielzahl der loaklen Lösungen entwickelt sich ein globale Klimamustersprache, deren erste Priorität ist, Gerechtigkeit zu verbessern und darauf aufbauend das Klima zu schützen.

Auftauchen

In diesem Artikel ging es mir darum, die theoretischen Grundlagen zu erläutern, die meines Erachtens für einen radikalen Paradigmenwandel im Verständnis von Transformations- und Gestaltungsprozessen notwendig sind. Dazu habe ich detailliert die Begriffe Resonanz und Kokreation im Kontext eines neuen ontologischen Verständnisses, der Feld-Prozess-Theorie, definiert. Ich glaube, dass wir uns mit diesem Vokabular und diesem Modell nun besser und differenzierter darüber verständigen können, ob und wie wir unsere normativen Ziele hin zu einer anderen, besseren Welt erreichen können.

Wie in jedem großen Transformationsprozess liegt die Schwierigkeit darin, nicht nur das Denken, Fühlen und Handeln zu verändern, sondern gleichzeitig die Art und Weise wie wir darüber sprechen zu rekonfigurierenn. Häufig werden längst anstehende Veränderungen dadurch verzögert, dass wir sie in einer Sprache zu beschreiben versuchen, die noch dem zu überwindenden Paradigma entspringt. Erst wenn wir auch neue Begriffe und eine neue Sprache haben, können paradigmatische Veränderungen tief greifen. Wohl wissend wie schwierig, langwierig und grob solche neuen Sprachversuche am Anfang sind, müssen wir uns dieser Aufgabe stellen.

Denn Prozesse sind verschachtelt. Während wir noch an unserer Organisation, unserem Projekt, einem Ort oder unserer Beziehung arbeiten und uns mit aller Aufmerksamkeit diesem begrenzten Feld widmen, erproben wir gleichzeitig in einem übergeordneten Feld neue Arten zu gestalten und neue Formen uns miteinander in bedeutungsvollen Beziehungen und Prozessen zu verändern und dafür Worte zu finden. Am Ende wirken die Prozesse ineinander und gewinnen an Fahrt, je tiefer wir in sie eintauchen – egal auf weelche Weise.

Ich erlebe diese Prozesse auf allen Ebenen als unglaublich bereichernd, denn das Gestalten aus resonanten Beziehungen heraus hat einen unvermeidlichen persönlichen Nebeneffekt: verändern kann sich immer nur ein Feld, nie ein einzelner Partizipateur alleine. In dem Moment, in dem wir in Resonanz stehen und starke Beziehungen zu der Welt etabliert haben; zu unseren Projekten, zu unseren Organisationen und Institutionen und zu unserem Planeten, ergreifen alle Veränderungen, Neukonfigurierungen und Gestaltungen immer auch uns selbst: im Mindesten diejenigen Aspekte in uns, über die die Resonanz ursprünglich hergestellt wurde. Dass heißt, dass wir uns in dem Maße mitentwickeln, -verändern und -gestalten, in dem wir Lösungen für unsere Beziehungen, Organisationen oder das globale Zusammenleben kokreativ entwickeln. So können auch wir uns immer wieder neu erleben, entdecken und ausprobieren und generativ wachsen. Niemand kommt aus einem kokreativen Gestaltungsprozess heraus wie er oder sie in ihn hineingegangen ist. Wir vollziehen das, was Laloux als „Leben als Reise der Entfaltung“ bzw. als einen „organischen Prozess mit evolutionärem Sinn“ beschreibt. (Laloux, 2014, S. 45 und 223).

Bibliografie

Haraway, Donna J. (2016): Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene.

Haraway, Donna Jeanne, Carmen Hammer & Donna Haraway (1995): Die Neuerfindung der Natur : Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt/Main [u.a.] : Campus-Verl., Frankfurt/Main [u.a.] Frankfurt/Main [u.a.

Horkheimer, Max & Theodor W. Adorno (1969): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. S. Fischer, Frankfurt am Main.

Laloux, Frederic (2014): Reinventing Organizations. Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. Vahlen, München.

Latour, Bruno (2001): Das Parlament der Dinge : für eine politische Ökologie. Politiques de la nature <dt.&gt. Frankfurt am Main : Suhrkamp, Frankfurt am Main.

Latour, Bruno (2017): Kampf um Gaia: Acht Vorträge über das neue Klimaregime. Suhrkamp, Berlin.

Lewin, Kurt (2012): Feldtheorie in den Sozialwissenschaften : ausgewählte theoretische Schriften. Field theory in social sciences <dt.&gt. Bern : Huber, Bern.

Rosa, Hartmut (2016a): Resonanz : eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin : Suhrkamp, Berlin.

Rosa, Hartmut (2016b): Resonanz: eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin.

Serres, Michel (1994): Der Naturvertrag. Suhrkamp, Frankfurt a.M.

Wikipedia (2017): Resonanz (Luhmann) [Online]. Available: https://de.wikipedia.org/wiki/Resonanz_(Luhmann) [Accessed 06.11.17].